Ihr Rechtsanwalt im Wettbewerbsrecht
Dr. Hermann-Josef Omsels*

Eine Darstellung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb und wettbewerbsrechtlicher Nebengesetze

 


 

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Rechtsauffassung/Rechtslage

1. Rechtsausführungen

2. Fehlerhafte Darstellungen der Rechtslage, auch in AGB

Rechtsausführungen

Rechtsausführungen sind Bewertungen der Rechtslage und damit Meinungen, die man für richtig oder falsch halten kann, die aber in den meisten Fällen nicht wahr oder unwahr sein können. Das gilt in der Regel auch, wenn die Rechtsausführungen von der Meinung der Gerichte oder der herrschende Lehre abweichen. Trotzdem können Rechtsauffassungen irreführend sein.

BGH, Urt. v. 25.4.2019, I ZR 93/17, Tz. 24, 29 - Prämiensparverträge

Zu den zur Täuschung geeigneten Angaben im Sinne von § 5 Abs. 1 Satz 2 Fall 2 UWG nicht nur Tatsachenbehauptungen, sondern unter bestimmten Voraussetzungen auch Meinungsäußerungen zählen können. Das ergibt sich aus der gebotenen richtlinienkonformen Auslegung des § 5 Abs. 1 Satz 2 UWG. ...

Darunter können grundsätzlich auch Äußerungen über die Rechtslage fallen.

Aber:

BGH, Urt. v. 25.4.2019, I ZR 93/17, Tz. 30 f - Prämiensparverträge

Aussagen über die Rechtslage werden nur in bestimmten Fällen von § 5 Abs. 1 UWG erfasst. Dabei ist entscheidend, wie der Verbraucher die Äußerung des Unternehmers unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls, insbesondere der Art und Weise der Äußerung auffasst.

Ist für die betroffenen Verkehrskreise erkennbar, dass es sich um eine im Rahmen der Rechtsverfolgung oder Rechtsverteidigung geäußerte Rechtsansicht handelt, fehlt dieser Äußerung die zur Erfüllung des Tatbestands der Irreführung erforderliche Eignung zur Täuschung. Das folgt aus der Überlegung, dass es dem Unternehmer bei der Rechtsverfolgung oder der Rechtsverteidigung unbenommen bleiben muss, eine bestimmte Rechtsansicht zu vertreten. Vertritt ein Unternehmen im Rahmen der Rechtsdurchsetzung oder -verteidigung eine bestimmte Rechtsansicht, so handelt es sich um eine Meinungsäußerung, die deshalb grundsätzlich selbst dann nicht wettbewerbswidrig ist, wenn sie sich als unrichtig erweist (vgl. BGH, Urt. v. 3.5.2007, I ZR 19/05, Tz. 30 - Rechtsberatung durch Haftpflichtversicherer). Ob diese Rechtsansicht richtig ist, kann nicht im Wettbewerbsprozess, sondern muss in dem Rechtsverhältnis geprüft und entschieden werden, auf das sich diese Rechtsansicht bezieht (KG, Urt. v. 27.3.2013, 5 U 112/11).

Dagegen erfasst § 5 Abs. 1 UWG Äußerungen, in denen der Unternehmer gegenüber Verbrauchern eine eindeutige Rechtslage behauptet, die tatsächlich nicht besteht, sofern der angesprochene Kunde die Aussage nicht als Äußerung einer Rechtsansicht, sondern als Feststellung versteht. Ebenso ist eine objektiv falsche rechtliche Auskunft eines Unternehmers, die er auf eine ausdrückliche Nachfrage des Verbrauchers erteilt, zur Irreführung und Beeinflussung des Verbrauchers geeignet, weil sie ihn daran hindert, eine Entscheidung in voller Kenntnis der Sachlage zu treffen (vgl. EuGH, Urt. v. 16.4.2015, C-388/13, Tz. 40  - UPC). Auch in dieser Situation versteht der angesprochene Kunde die Aussage nicht als Äußerung einer Rechtsansicht, sondern als Feststellung.

Die Ausführungen in den nachfolgenden Gerichtsurteilen müssen an der vorstehenden BGH-Rechtsprechung gemessen werden:

OLG Düsseldorf, Urt. v. 12.7.2016, 20 U 117/15, Tz. 33

Durch die Formulierung „unserer Meinung nach“ wird unmissverständlich deutlich gemacht, dass die Subsumtion des von der Beklagten gebildeten Fallbeispiels unter die Rechtsprechung der Gegenstand einer Wertung der Beklagten ist.

Siehe auch OLG Hamburg, Urt. v. 2.3.2017, 3 U 122/14, Tz. 48 (Zitat weiter unten)

Irreführend sind Rechtsansichten, wenn sie mit Tatsachenbehauptungen verbunden werden, die als solche nicht zutreffen. Das gilt etwa für Aussagen, dass der BGH zu einer bestimmten Rechtsfrage eine bestimmte Meinung vertritt, die der BGH tatsächlich aber nicht vertritt.

OLG Frankfurt, Urt. v. 17.11.2011, 6 U 126/11

Grundsätzlich kann es einem Unternehmer nicht verwehrt sein, im Rahmen seiner Rechtsverteidigung eine ihm nachteilige höchstrichterliche Rechtsprechung für falsch zu halten und zu versuchen, in einem von einem Kunden angestrengten gerichtlichen Verfahren eine Änderung dieser Rechtsprechung herbeizuführen. Diesen Rechtsstandpunkt muss der Unternehmer auch vorgerichtlich dem Kunden gegenüber vertreten dürfen. Ob sie sich als richtig erweist, kann nur im Rahmen des zugrundeliegenden Rechtsverhältnisses, nicht aber im Wettbewerbsprozess geklärt werden (vgl. Köhler/Bornkamm, UWG, 28. Auflage 2010, Rdn. 2.13 zu § 5 UWG).

Die Grenze zulässiger Anspruchsabwehr eines Unternehmers wird überschritten, wenn er seinen Kunden durch unwahre Angaben an der Geltendmachung berechtigter Ansprüche hindert (§ 5 Abs. 1 S. 2 Nr. 7 UWG). Dies kann auch der Fall sein, wenn der Unternehmer eine ihm nachteilige höchstrichterliche Entscheidung unrichtig wiedergibt oder wenn er durch unwahre Angaben eine ihm nachteilige gefestigte höchstrichterliche Rechtsprechung negiert (vgl. Köhler/Bornkamm, a.a.O.).

Weitergehend ist der BGH der Auffassung, dass die Darstellung von Rechtsfolgen, die den Adressaten davon abhalten können, berechtigte Ansprüche geltend zu machen, irreführend sein kann, wenn sie die Rechtslage falsch wiedergibt.

BGH, Urt. v. 4.5.2017, I ZR 113/16, Tz. 19 - Reisewerte

Die Beurteilung des Berufungsgerichts, das beanstandete Schreiben der Beklagten enthalte irreführende Angaben zur Verjährung der Ansprüche aus den Reisewerten und damit über wesentliche Merkmale der Dienstleistung im Sinne von § 5 Abs. 1 Satz 1 und 2 Nr. 1 UWG, hält der rechtlichen Nachprüfung im Ergebnis stand.

Ebenso BGH, Urt. v. 4.5.2017, ZR 114/16; OLG Köln, Urt. v. 23.8.2013, 6 U 27/13, II.2.b

Die Rechtsaufassung, wonach falsche Angaben zur Rechtslage irreführend sind, kann in gleicher Weise für Behauptungen gelten, wonach aufgrund der Rechtslage dieses oder jenes (ein Ereignis, also eine zukünftige Tatsache) eintreten wird, was aufgrund der herrschenden Rechtslage aber tatsächlich unwahrscheinlich ist.

Zur Behauptung eines Rechtsanwalts in Werbeschreiben, dass eine Widerrufsbelehrung im Fernababsatz nach deutschen Recht gegen EU-Recht verstößt und deshalb Abmahnungen drohen:

OLG Hamm, Urt. v. 1.9.2011, I-4 U 41/11, III.1

Eine Irreführung liegt vor, wenn die angesprochenen Verkehrskreise sich aufgrund der Werbeaussage eine bestimmte Vorstellung machen, die nicht der Wirklichkeit entspricht und deshalb täuschen kann. Es ist also zu fragen, wer die angesprochenen Verkehrskreise sind, welche Vorstellung sie sich aufgrund der von der Antragsgegnerin verwendeten Formulierungen machen und ob diese Vorstellung der Wirklichkeit entspricht.

Angesprochene Verkehrskreise sind Onlinehändler, die im Rahmen ihrer Verkaufstätigkeit über die Möglichkeit des Widerrufs ihrer Vertragserklärung zu belehren haben.

Die Darstellung des Beklagten erweckt den Eindruck, dass die Onlinehändler, die eine Widerrufsbelehrung verwenden, die mit Art. 246 § 3 EGBGB übereinstimmt, mit einer Abmahnung rechnen müssen.

Dieser Eindruck ist aber nicht zutreffend und damit irreführend.

Da ein Unterlassungsanspruch hinsichtlich der Verwendung der mit dem nationalen Recht übereinstimmenden Widerrufsbelehrung nicht hergeleitet werden kann, ist auch nicht ersichtlich, dass ein Onlinehändler mit einer entsprechenden Abmahnung rechnen muss.

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Fehlerhafte Darstellungen der Rechtslage, auch in AGB

OLG Jena, Urt. v. 19.9.2013, 1 U 194/13, II.3.b

Der Kläger wendet sich gegen die Tatsache, dass die Beklagte in ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen für sämtliche Geschäftsbeziehungen Kaufrecht zugrunde gelegt hat, auch wenn den Rechtsbeziehungen Werkverträge zugrunde liegen. In einem solchen Fall besteht ein Unterlassungsanspruch des Klägers aus … §§ 3, 5 8 UWG. Im Zusammenhang mit dem Verbot irreführender Angaben in Bezug auf ein bestehendes Vertragsverhältnis darf nach § 5 Abs. 1 Satz 2 Nr. 7 UWG ein Unternehmen keine irreführenden Angaben über die Rechtslage machen (vgl. Bornkamm in: Köhler/Bornkamm, UWG, § 5 Rn 2.13). Bei der Anwendung von allgemeinen Geschäftsbedingungen auf Werkverträge, die für den Abschluss von Kaufverträgen bestimmt sind, liegt eine irreführende Angabe über die Rechte des Verbrauchers und der Gewährleistungsrechte nach § 5 Abs. 1 Satz 2 Nr. 7 UWG vor.

OLG Frankfurt, Urt. v. 21.3.2019, 6 U 190/17, II.2.a

Die Beklagte erweckt mit dem Schreiben K 1 bei ihren Kunden den Eindruck, zu einer einseitigen Änderung der bisher bestehenden Preisänderungsregelung befugt zu sein. Hierbei handelt es sich um eine Angabe im Sinne von § 5 Abs. 1 UWG, weil die damit verbundene Aussage über die vertragliche Situation des angeschriebenen Verbrauchers einer Überprüfung auf ihre sachliche Richtigkeit zugänglich ist. Dies gilt unabhängig davon, ob die insoweit zu überprüfende Rechtsfrage nicht einfach zu beurteilen ist und in Rechtsprechung und Literatur uneinheitlich beantwortet wird. Es besteht kein Anlass, konkrete Aussagen über die Rechtslage anders zu bewerten als Aussagen über tatsächliche Verhältnisse, deren Richtigkeit ebenfalls fachlich umstritten sein kann.

Anders aber

OLG Hamburg, Urt. v. 2.3.2017, 3 U 122/14, Tz. 48

Der Anspruch steht dem Kläger nicht zu, weil die Beklagte mit der angegriffenen E-Mail eine Rechtsansicht äußert, die zu vertreten ihr nicht verboten werden kann. Die Beklagte berechnet in der E-Mail ihren Wertersatzanspruch gegenüber ihrem Kunden und macht diesen geltend. Sie äußert damit gegenüber dem Kunden ihre Ansicht, in welcher Höhe der Anspruch auf Wertersatz nach erfolgtem Widerruf … bestehen soll. Darin liegt die Äußerung einer Rechtsmeinung und damit die Äußerung eines Werturteils. Als reine Werturteile unterfallen Rechtsauffassungen grundsätzlich nicht dem Irreführungstatbestand. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass auch Werturteile irreführende Angaben enthalten, wenn sie – aus der Sicht des angesprochenen Verkehrs – erkennbar auf Tatsachen beruhen, sich also Richtigkeit oder Unrichtigkeit objektiv nachprüfen lässt oder wenn sie einen nachprüfbaren Tatsachenkern enthalten . Dies ist vorliegend aber nicht der Fall, da die der Berechnung zugrunde liegenden Tatsachen zwischen den Parteien feststehen und nicht im Streit stehen. Eine Irreführung über Verbraucherrechte kommt zwar darüber hinaus auch in Betracht, wenn ein Unternehmer Kunden, die von einem Anfechtungs-, Widerrufs-, Rücktritts- oder Kündigungsrecht Gebrauch machen wollen, planmäßig und wider besseres Wissen erklärt, ein solches Recht stehe ihnen nicht zu (BGH, GRUR 1986, 816 Rn. 39 – Widerrufsbelehrung bei Teilzahlungskauf). Als irreführende Angabe über die Rechtslage kommen dabei aber nur solche nachprüfbaren Behauptungen in Betracht, die sich bei einer Überprüfung als eindeutig richtig oder falsch erweisen können, über die eigentlich nicht gestritten werden kann. Im Übrigen kann es einem Unternehmer nicht verwehrt werden, im Rahmen der Rechtsdurchsetzung oder -verteidigung eine bestimmte Rechtsansicht zu vertreten .

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Omsels, Online-Kommentar zum UWG:

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